Berserker
(Odin Geweihte Elite Krieger)


Artwork by Frank Frazetta

Vor mehr als tausend Jahren gründete Harald Schönhaar (Harfagri) das norwegische Königreich. Da ging es nicht immer friedlich zu, denn die größeren Bauernsippen und die Stammesfürsten widersetzten sich der Einigung des Landes. Um seinem Willen den gehörigen Nachdruck zu verleihen, stellte Harald Schönhaar ein Heer zusammen. Für die vorderste Kampfreihe wählte er besonders kräftige, entschlossene, junge Männer aus, jene Berserker nämlich.

Ihr Leben weihten sie Odin, dem Kriegsgott, und in der entscheidenden Schlacht im Bocksfjord bei Stavanger, standen sie, in Bärenfelle gekleidet, auf dem Vorderdeck der Schiffe, "bissen vor Wut in ihre Schilde und stürzten sich auf die gegnerischen Krieger. Wurden sie von einem Speer getroffen, schienen sie keinen Schmerz zu spüren, sondern kämpften wie besessen weiter. Als die Schlacht gewonnen war, sanken die Kämpfer in einen tiefen Schlaf". Das berichtet uns Thorbjörn Hornklofi, ein Teilnehmer der Schlacht, sowie einzelne Strophen der norwegischen und isländischen Sagas: "Es brüllten die Berserker, der Kampf war im Gange...". Und in der Egil-Saga lesen wir: "Keiner, der auf dem Königsschiff vor dem Segel gestanden hatte war unverwundet, ausser denen, die kein Eisen biss, und das waren die Berserker".

Auch in der Ynglinga-Saga, dem Werk des isländischen Staatsmanns und Dichters Snorri Sturluson, tauchen sie auf: "Odins Männer gingen ohne Panzer in den Kampf, und sie waren wild wie Hunde oder Wölfe. Sie bissen in ihre Schilde und waren stark wie Bären oder Stiere. Sie erschlugen die Feinde, aber sie selbst verwundete weder Feuer noch Schwert; das nennt man Berserkerwut". 872 n.Ztw. hat sich das zugetragen. Vielleicht sind die alten Gesänge ein wenig mit "dichterischen Freiheiten" versehen worden. Dennoch fällt auf, dass alle Beschreibungen die Berserker als Krieger schildern, die mit einer wilden, geradezu magischen Leidenschaft kämpften. 

Das Wüten der Berserker ist sprichwörtlich geworden. Auch das mehrfach berichtete "Beissen mit den Zähnen in den oberen Rand des Schildes" hat der Volksmund übernommen. Tiere fletschen beim Angriff die Zähne. Auch wir "zeigen jemandem die Zähne", wenn wir es ihm ordentlich besorgen wollen. Tüchtige Kämpfer verfolgen mit "Verbissenheit" ihr Ziel - dennoch wissen wir nur wenig über jene, die in den Bärenfellen steckten. Und das gibt Anlass für allerlei Spekulationen. Waren sie halbwilde Jungkrieger, die, um ihren Mut zu beweisen, mit ungeschütztem Körper in den Kampf gingen? Handelte es sich um sakrale Männerbünde, die dem Totengott Odin als Krieger dienten? Waren sie einfach nur Verrückte, die unter Gebrüll fanatisch drauflosschlugen? Besaßen sie übernatürliche Kräfte, die sie vor Verwundung schützten? Oder standen sie unter Drogen? Litten sie gar an einer Erbkrankheit?

Fragen wir erst mal die Fachleute, z.B. Herrn Professor Kurt Schier, Leiter des Instituts für nordische Philologie an der Universität München: "Grundsätzlich ist alles denkbar, läßt sich aber anhand der Quellen nicht beweisen. Die schriftlichen Zeugnisse stammen nicht aus der Zeit Harald Schönhaars, sondern wurden erst viel später aufgeschrieben. So wurde der mündliche Bericht des Augenzeugen Thorbjörn Hornklofi - übrigens der erste, in dem das Wort "Berserker" vorkommt - im 12. Jahrhundert niedergeschrieben, 300 Jahre nach der Schlacht im Bocksfjord. Die historischen Quellen sind also nicht nur rar, sondern auch nicht hundertprozentig zuverlässig. Sicher ist nicht einmal, woher der Name stammt. "Serkr" bedeutet "Hemd" in der altnordischen Sprache, aus der sich später die schwedische, norwegische und isländische entwickelte. Die Silbe "Ber" kann entweder von "Bersi" (Bär) kommen oder von "berr" (nackt).

Je nachdem, wie man die Sache betrachtet, ein Berserker ist entweder jemand, der das Bärenhemd trägt, oder jemand, der mit nacktem Oberkörper kämpft. Das ist zwar nur ein kleiner, für die Historiker aber sehr bedeutsamer Unterschied. Wenn die Berserker einfach nur "oben ohne" in den Kampf zogen, dann wäre das nichts Ungewöhnliches. Tacitus berichtet nämlich auch, daß die Soldaten der germanischen Hilfstruppen traditionell mit nacktem Oberkörper kämpften. Wenn sich die Berserker dagegen in Tierfelle gekleidet haben - was die meisten Forscher vermuten - dann wäre das schon etwas Besonderes. Es wäre typisch für Norwegen und Island." Erfunden haben Isländer und Norweger die Bärenverkleidung freilich nicht. "Bärenkulte waren früher weit verbreitet", erklärt der Münchner Ethnologe Professor Hans-Joachim Paproth. "Schon auf steinzeitlichen Felszeichnungen, z. B. in der Höhle von Trois-Freres in Südfrankreich, finden wir Darstellungen von Tänzern in Bärenfellen. Und bei schwedischen und norwegischen Lappen wurden Bärenfeste bis ins vorige Jahrhundert gefeiert". Den Grund dafür nennt uns der Wiener Altgermanist Professor Otto Höfler: "Der Tierverkleidung haftet etwas Mystisches an. Die Maskierung wurde als Verwandlung erlebt, und zwar sowohl von den Zuschauern wie auch vom Maskierten selbst. Wenn sich ein Tänzer oder Krieger in ein Bärenfell kleidete, ging die Kraft des wilden Tieres - natürlich im übertragenen Sinne - auf ihn über. Er wirkte und fühlte sich stark wie ein Bär. Das Berserkertum läßt sich als die nordische Sonderentwicklung eines Tiermaskenbrauchs beurteilen, der in uralten Maskenkulten wurzelt", so der Herr Professor.

Odin ist aber auch der weiseste aller Götter, begabt mit Kräften, die nur er besitzt, eingeweiht in Geheimnisse wie sonst keiner. Als Schamane ein Hüter des Wissens und der religiösen, verstandesmäßig nicht zu erklärenden Mysterien. Ein Meister der Magie, dem die Tiergeister dienen, begleitet von Wölfen und Raben - den Tieren des Schlachtfeldes. Wenn er in Asgard thront, sitzen ihm die Wölfe Geri und Freki (die "Geringen") zu Füssen und die Raben Hugin und Munin ("Gedanke und Erinnerung") berichten ihm die Geschehnisse der Welt. Der vermutete Glaube der Berserker an die Beseeltheit der Tiere, an "Tiergeister", ist nicht ungewöhnlich. Völkerkundler haben das auch für andere Länder nachgewiesen. Wenn ein "Geist" von einem Körper Besitz ergreift, dann ist es tatsächlich möglich, dass der Betroffene weder Schmerz noch Müdigkeit fühlt. Erst wenn dieser Zustand beendet ist, verfällt der Betroffene in einen tiefen Schlaf.

Man hat auch noch andere Erklärungsversuche für die "Berserkerwut" unternommen, ohne übersinnliche Kräfte bemühen zu müssen. Rauschartige Zustände, Tobsuchtsanfälle, Halluzinationen und anschliessende Müdigkeit könnten auch von chemischen Substanzen hervorgerufen worden sein, z.B. durch das Fliegenpilzgift Muscimol. Heute wissen wir, dass Patienten mit einer Fliegenpilzvergiftung wild um sich schlagen, erregt sind und häufig Wahnvorstellungen haben. In Pflegern und Ärzten sehen sie Fabelwesen, Götter und Geister. Die toxische Wirkung hält ungefähr zwanzig Stunden an, dann fallen die Betroffenen in einen Tiefschlaf, aus dem sie meist - wenn sie Glück haben - erst nach etwa 30 Stunden wieder erwachen.

Solche Riten mit Maskentänzen und ekstatischen Zuständen konnte man bei vielen Naturvölkern beobachten. Unerklärlich aber ist bei dieser Theorie, warum Derartiges wiederum in keiner nordischen Überlieferung erwähnt wird. Auch die Mediziner mußten sich zu Wort melden und einen Beitrag zur Berserkerfrage absondern: "Die legendäre Stärke der Berserker hatte nichts mit Geistern, Drogen und magischen Ritualen zu tun, sondern war die Folge einer vererblichen Krankheit", meint der amerikanische Professor Jesse L. Byock. Der isländische Dichter Egil soll jähzornig, bösartig und unbesiegbar gewesen sein, wie schon sein Vater und sein Großvater. Das äußere Merkmal - ein ungeheurer Dickschädel, im Wortsinn. Sein Kopf soll so massiv gewesen sein, daß er sich nach Egils Tod selbst mit der Axt nicht spalten ließ. So steht es zumindest in der Egil-Saga. Die Beschreibungen deuten nach Byocks Ansicht darauf hin, daß die Egil-Familie am "Paget-Syndrom" litt, einer Erbkrankheit, bei der das Knochenwachstum außer Kontrolle gerät. Professor Byock: "Menschliche Knochen erneuern sich allmählich und normalerweise wird die biologische Substanz etwa alle acht Jahre vollständig ersetzt. Die Krankheit allerdings erhöht das Tempo von Abbau und Neubildung so stark, daß Knochenteile umstrukturiert, missgestaltet und erheblich größer als die ursprünglichen werden". Besonders deutlich sind die Folgen des Paget-Syndroms am Kopf zu erkennen, er wird nämlich dick und wellig. 

Das heißt, Ihre Elitetruppen würden wissen, wie man den Feind einschüchtert - mit Gebrüll und Drohgebärden zum Beispiel - wie man sich selbst vor Verletzungen schützt - mit einem dichten, für Hieb- und Stoßwaffen schwer durchdringbaren Bärenfell - und sie würden wissen, daß man durch äußerste, nicht nachlassende Anstrengungen, "Verbissenheit" eben, doch meist den Sieg erreichen kann. Diese Elitekämpfer wären von der Größe der zu lösenden Aufgabe überzeugt, sie wären "motiviert" und würden das vorgegeben Ziel aus ihrem Innersten heraus bejahen. Und sie hätten diese Männer auf sich persönlich eingeschworen - eine Parallele zu unserer jüngsten Vergangenheit tut sich auf. Und daher hat der französische Forscher G. Dumezil wohl nicht ganz zu Unrecht die deutschen paramilitärischen Organisationen aus der Zeit vor 1945 wie z.B. SA und SS als psychologisch und sozial verwandte Erscheinungen betrachtet und angeführt. Die Berserker erscheinen in der Literatur oft paarweise, mehrfach auch zu zwölft. Sie wurden von einer ganzen Reihe altnordischer Könige als persönliche Leibwache gehalten. Auch das weist auf den elitären Charakter dieser Kriegerkaste hin. Würden sich die damaligen Herrscher wirklich mit Verrückten, Halbwahnsinnigen oder Unzurechnungsfähigen umgeben haben? 

Gewiß nicht, auch hier wären eher die Tüchtigsten zu finden gewesen. Unverbrüchliche Treue zu ihrem Herrscher wird an mehreren Stellen der alten Sagas beschrieben. In der Gold-Saga um den Dänenkönig Hrolf Krake (Prosa-Edda 198) erfahren wir einige Namen der zwölf Berserker, welche die Leibwache des Königs bildeten: Bödwar Bjarki, Hialti Hochgemut, Zwitserk Kühn, Wört, Weseti, Beigud und die Brüder Swipdag. Die Berserker kann es nicht erst seit König Harald Schönhaars Zeiten gegeben haben, denn schon Tacitus erwähnt eine eigenartige Kriegerkaste, die er "Harier" nennt und die fast alle Kennzeichen der Berserker tragen, und das immerhin schon 800 Jahre vor der Schlacht im Bocksfjord: "Abgesehen von ihrer Macht durch welche sie die vorher aufgezählten Völker übertreffen, sind sie trotzige Krieger. Ihrer angeborenen Wildheit helfen sie künstlich und durch Ausnützung der besten Zeit nach. Schwarz sind ihre Schilde, bemalt ihre Körper, dunkle Nächte suchen sie zum Kämpfen aus und jagen schon durch das grauenvolle Dunkel ihres Heeres den Gegnern Schrecken ein. Hält ja doch kein Feind dem ungewohnten und gleichsam höllischen Anblick stand" (Germania 43.Kapitel). 

Der Name "Harier" bedeutet "Krieger" und Odin hieß bei diesen Kriegern "Herjan", der "Herr der Krieger". Keiner hatte ein Haus oder ein Feld oder irgendeine Sorge dieser Art. Je nachdem sie zu jemand kamen, wurden sie bewirtet, Fremdes verschwendeten sie, um eigene Sache waren sie unbekümmert, bis ein kraftloses Greisenalter sie untauglich machte für das harte Kriegsleben. Da sie es für eine Schande hielten, im Bett an Altersschwäche zu sterben, ließen sie sich beim Nahen des Todes von Ihresgleichen mit einem Speer "zeichnen", also erstechen. Später, in der Völkerwanderungszeit erfuhr die Entwicklung des Ideals der nicht an Hof und Acker gebundenen Kriegerkaste eine kräftige Förderung. In den neu gebildeten Reichen, in denen die Germanen oft nur kleine Minderheiten bildeten, waren die Berserker bzw. ihre Vorläufer ein starker Machtfaktor. 

Zweihundert Jahre nach der Schlacht im Bocksfjord fielen christliche Missionare in Skandinavien ein. Die alten heidnischen Sitten und Gebräuche wurden verboten, insbesondere die brüllenden Kämpfer in den Tierfellen. In Island wurde 1123 ein Gesetz erlassen, in dem es heißt: "Wer sich in Berserkerwut versetzt, wird mit drei Jahren Verbannung bestraft". Von da an sind die Männer in den Bärenfellen spurlos verschwunden.



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