Nordische Helden

Die Wikinger, die dem Tod mit unerschrockener Tapferkeit ins Auge sahen, waren berühmt für ihren Kampfgeist. Ihre zähe Heldenhaftigkeit wurde zweifellos durch das raue nordische Klima geformt, aber auch durch ihren stoischen Fatalismus. Da sie die Unvermeidlichkeit des Todes und den Weltuntergang anerkannten, kämpften die die Männer aus dem Norden mit unverzagtem Geist. Für die Wikinger bedeutete Ruhm alles, der ihren heldenhaften Tod nachträglich lohnenswert machte und überlebte. Nach ihrem Tod gingen die tapfersten Krieger nach Walhall, wo sie die schicksalhafte und tragische Endschlacht der Ragnarök erwarteten. Nicht minder heldenhaft als diese Männer waren die Götter, die ihren Untergang in Ragnarök mit ruhiger Gelassenheit und Kampfgeist entgegensahen. Finnische Helden waren ebenso entschlossen and tapfer in ihrer Art, wenn auch vielleicht weniger großartig und stoisch. Ausgestattet mit magischen Kräften kämpften sie eher mit Zauberformeln als mit Waffengewalt. Für die Finnen war der Tod nicht immer endgültig: Leminkainen hatte mehr als ein Leben, während der gealterte Vainamoinen dem Tod immer wieder entkommen konnte, indem er die Gestalt wechselte.

Dazu gehören zum Beispiel:

Gunner und Hogni, die Nibelungenbrüder, starben tapfer, obwohl keiner von ihnen ein tadelloses Leben geführt hatte. Nachdem sie in ein Netz von Tragödien gezogen worden waren, das ein verfluchter Ring für sie gewoben hatte, töteten sie den unvergleichlichen Helden Sigurd und horteten sein Gold. Als sie von Atli angegriffen worden wurden, gaben sie nicht auf. Hogni starb lachend, als sein Herz herausgeschnitten wurde, während Gunner mit gefesselten Händen in eine Schlangengrube geworfen wurde und als Zeichen seiner Todesverachtung bis zum Ende mit den Füßen Harfe spielte.

Thor, mit übernatürlichen Kräften und der Zauberwaffe Mjöllnir ausgestattet, war ein schrecklicher Gegner. Obwohl er weder unsterblich noch unverwundbar war, kämpfte er ohne Furcht. Neben einigen anderen Göttern war Thor dazu bestimmt, in Ragnarök heldenhaft zu sterben.

Sigurd, der berühmteste der isländische Helden, tötete der schrecklichen Drachen Fafnir. Bewaffnet mir dem unbesiegbaren Schwert seines Vaters versteckte sich Sigurd in einem Loch in der Schleimspur des Drachen. Als Fafnir darauf auf seinem täglichen Weg zu einem stinkenden Waldtümpel entlang glitt, wurde sein Bauch von Sigurds Schwert durchbohrt. Die aufgedunsene Kreatur war in Gestalt in Charakter immer monströser geworden, damit sie ihren mit einem Fluch belegten Schatz bewachen konnte. Sigurds Leben war fortan von dem Fluch überschattet, der auf dem Unheil bringenden Schatz lastete.

Sigmund der Wölsunge stellte seine Heldenhaftigkeit unter Beweis, indem er ein magisches Schwert herauszog. Mit diesem Schwert erlangte er überall in Skandinavien Ruhm, zog aber dann auch den Neid seines Schwagers Siggeir auf sich, der beschloss, sämtliche Wölsungen zu töten. Alle zehn Söhne wurden an Bäume gebunden und schutzlos den wilden Tieren des Waldes ausgesetzt. Nur Sigmund gelang die Flucht, indem er einem Wolf die Zunge ausbiss; daraufhin suchte er Rache für seine getöteten Verwandten.


Naturgeister

Die dramatischen Landschaften Skandinaviens mit ihren eisigen Schneewüsten und farbenfrohen Frühlingsmonaten boten sich geradezu an, mit Naturgeistern bevölkert zu werden. Solche Geister hausten als Schrecken erregenden Reif-, Sturm- und Feuerriesen auf Bergen und Schneehängen. Die Furcht vor vernichtenden Eislawinen und glühenden Feuersbrünsten war so groß, dass die Riesen in den nordischen Mythen als böse und geheimnisvolle Mächte eine wichtige Rolle spielten. Es gab jedoch auch die weniger dramatischen, aber wichtigen Landvättir oder Landgeister, die das fruchtbare Land bewohnten. Die Landvättir waren hilfsbereit und scheu und gerieten leicht in Furcht. In unterirdischen Gewölben legten Zwerge glitzernde Edelsteine und Metalle frei, während die leichtfüßigen Elfen die Wälder und Seen bezauberten. In den slawischen Mythen war die ganze Welt von Naturgeistern erfüllt, die Wälder, Flüsse und Felder mit ihrer wirbelnden Aura durchdrangen.

Dazu gehören zum Beispiel:

Die Sonne wurde laut einem Mythos von den Göttern aus einem gleißend hellen Funken geformt. Sie legten den glühenden Ball auf einen Streitwagen, der von zwei Schimmeln gezogen und von Sol, der Sonnentochter, gesteuert wurde. Aus Furcht vor der zerstörerischen Hitze der Sonne befestigten die Götter vorn an dem goldenen Gefährt einen Schutzschild namens Svalin(Kühler).

Ran, ein stürmischer Meeresgeist, spiegelte die wechselnden Stimmungen des Ozeans wider, der manchmal hilfreich, manchmal zerstörerisch sein konnte. Mit ihrem Netz fing sie Seeleute und zog sie hinab in die Tiefen des Meeres. Dort verwöhnten sie und ihr Gatte Ägir ihre Opfer in funkelnden Korallenhöhlen, die durch das glänzende Gold des Meeres erleuchtet wurden. Ran liebte Gold, das aufgrund der fluoreszierenden Eigenschaft nordischer Wellen auch „Flamme des Meeres“ genannt wurde.

Dunkle Zwerge entstanden aus Maden im verwesenden Fleisch des erschlagenen Riesen Ymir. Die Götter fanden sie jedoch zu hässlich, um gesehen zu werden und verbannten sie zu einem Leben unter der Erde. Wie Riesen verwandelten sie sich bei Tageslicht zu Stein, was die vielen kleineren Felsen und Steine erklärt, die überall in den nordischen Landschaften zu finden sind. Die Zwillingsgipfel von Trold Tindterne z.B. sind zwei Gruppen miteinander kämpfender Zwerge, die vergaßen, sich rechtzeitig vor Sonnenaufgang zurückzuziehen.

Die Rheintöchter waren Geister, die im Winter in Seen und Flüssen lebten und im Sommer aus dem Wasser ausstiegen, um durch die Wälder zu schweben. Die Farben des Flusses spiegelten die Stimmungen der Nymphen wider und verwandelten sich in ein Schwarz der Trauer, als die Rheintöchter ihr Gold verloren.

Fels- und Sturmriesen personifizierten die riesigen, zerklüfteten Gebirge und die Gewitterwolken. Da sie an Dunst und Nebel gewöhnt waren, verwandelten sich Gebirgsriesen ebenso wie Zwerge in Stein, wenn sie hellem Tageslicht ausgesetzt wurden. Dies erklärt die Entstehung von fantastischen Felsformationen, wie z.B. dem Riesengebirge, das aus Riesen geformt wurde, die so dumm waren, sich bei Sonnenaufgang im Freien aufzuhalten.


Schätze und Talismane

Die berühmtesten Handwerker der nordischen Mythologie waren weise und begabte Zwerge, die in unterirdischen Höhlen arbeiteten. Dank ihrer übermenschlichen Kunstfertigkeit und ihrer geheimen Weisheit fertigten sie sagenhafte Schätze und Talismane für Götter und Helden. Einige ihrer Werke waren von unbeschreiblicher Schönheit, wie zum Beispiel die Halskette Brisingamen; andere besaßen übernatürliche Kräfte, wie zum Beispiel der Seidenfaden, mir dem der wilde Fenriswolf gefesselt wurde. Absolut unverzichtbar waren für die Götter ihre Wunderwaffen – Thors Bumerang-Hammer Mjöllnir oder Odins unfehlbarer Speer Gungnir. Die Zwerge waren zugleich auch erfinderische Ingenieure, die für Freyr ein zusammenklappbares fliegendes Schiff herstellten sowie ein Schwert, das von selbst kämpfte, sobald es gezogen wurde. Am erstaunlichsten von allen jedoch waren wohl ihre lebenden Schätze – der goldborstige Eber Gullinbursti oder Sifs natürlich wachsendes goldenes Haar. Von den Sterblichen war einzig der Schmied Wieland den Zwergen ebenbürtig; von den Zauberern war der Finne Ilmarinen ein Meister seines Faches und stellte einen unvergleichlichen Talisman namens Sampo her.

Dazu gehören zum Beispiel:

Iduns goldene Äpfel verschafften den Göttern ewige Jugend. Der sagenhafte Obstbaum wurde von den drei weisen Nornen bewacht. Die kostbaren Äpfel wurden allerdings von den Riesen begehrt, die die Götter ihrer Kraft und Jugend berauben wollten.

Mjöllnir, Thors Wunderhammer, war immer in seiner Reichweite. Der Mjöllnir wurde als feurige Donnerwaffe verwendet, aus der zuckende Blitze herausschossen, und als stumpfe Schlagwaffe, um die Schädel von Riesen zu zertrümmern. Er war sowohl ein Talisman der Kreativität als auch der Zerstörung.

Gungnir, Odins großartiger Speer, verfehlte niemals sein Ziel. Der Speerschaft wurde von Odin aus der heiligen Esche Yggdrasil gefertigt und mit Schnitzereien versehen, die die magischen Runen des Gottes darstellten. Ebenso kostbar war Odins sagenhafter Ring Draupnir, der alle neun Tage acht ähnliche Ringe produzierte – eine ewige Quelle von Reichtum und Macht.

Der Sampo wurde von Ilmarinen geschmiedet. Im Laufe von drei Tagen wurde der Talisman auf geheimnisvolle Weise hergestellt. So wurde aus den magischen Flammen der Schmiede der Sampo geschaffen. Er bestand aus einer Mehlmühle, einer Salzmühle und einer Geldmühle, wodurch er dauerhaften Wohlstand und Einfluss sicherte.

Wunderbare Wikingerboote gehörten sowohl Freyr als auch Thorstein. Skidbladnir, das Schiff des Gottes, wurden von den Zwergen hergestellt. Es war eine Personifikation der Wolken. Obwohl es groß genug war, um sämtlich Götter und eine ganze Heerschar befördern zu können, konnte es zusammengefaltet und wie ein Taschentuch weggesteckt werden. Thorsteins sagenhaftes Drachenboot Ellida war ein Geschenk des Meeresgottes Ägir. Ellida war aus quellenden Planken geformt, die in Form eines geflügelten Drachen zusammenwuchsen, und fuhr so schnell mit dem pfeifenden Wind, dass es selbst ein Adler hinter sich ließ.



:: Quelle: "Die Enzyklopädie der Mythologie" von Arthur Cotterell :: Zusammengestellt von OdiN ::


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