Das Wort "Antichrist" wird im Neuen Testament nur einige Male erwähnt. Unter anderen Bezeichnungen erscheint der Gegenspieler Gottes in der gesamten Bibel jedoch öfter. Schon der alttestamentliche Prophet Daniel sah ein kleines Horn, einen König, der den Höchsten lästert und seine Heiligen vernichten will. Unmittelbar wird hier auf das Kommen des Antiochus IV. Epiphanes (175-163 v.Chr.), eines erklärten Feindes des jüdischen Volkes, angespielt. Dieser sozusagen alttestamentliche Antichrist ist jedoch zugleich ein Typus, eine Vorausabbildung des endzeitlichen Antichristen.
(Die Vorsilbe "anti" heißt im griech. weniger "gegen", sondern eher  "statt", "anstatt". Gemeint ist also eine Person, die sich die Stelle Christi anmaßt und insofern natürlich auch Gegner Christi ist.)

In seinen Briefen meint der Apostel Johannes   mit Antichrist zunächst entweder den einen besonderen, der noch vor der Wiederkunft Christi kommen soll, oder eine Mehrzahl von sog. "Antichristen", die bereits in der Gegenwart als Vorläufer des eigentlichen Antichristen in Erscheinung treten bzw. getreten sind. Seine Vorläufer werden Lügner und Verführer genannt. Es ist hier also zunächst nicht an einen politischen Herrscher gedacht, sondern an Irrlehrer, die Menschwerdung Gottes in Christus leugnen und damit behaupten, Jesus sei nicht der Christus.

Nach Offb13 wird der Antichrist mit dem Tier in Verbindung gebracht, das die Merkmale der vier Tiere, als die Daniel die Weltmächte als Raubtiere schaute (Dan7), in sich vereinigt. Satan stattet den Antichristen als seinen "Christus" mit aller ihm gegebenen Macht aus, so daß dieser sich zum Weltherrscher erhebt (Offb13, 2.7). Er wird zunächst als geniale Führergestalt auftreten, die die Lösung globaler und die Weltgemeinschaft bedrohende Probleme angeht und auf diese Weise große Scharen von Menschen für sich begeistert. Er erscheint so als täuschend ähnliche Nachahmung des biblischen Christus und seiner Wunder. Sogar Tod und Auferstehungswunder werden anscheinend nachgeäfft. Überwunden wird der Antichrist erst durch die Ankunft des wahren Christus: Der Antichrist und der falsche Prophet werden lebendig ergriffen und in den Feuersee geworfen. Darauf folgt das Gericht über die übrigen Feinde Gottes und die Aufrichtung des Tausendjährigen Friedensreiches.

Die fünfte Posaune: Aus Kap. 9, 1-12

Als der fünfte Engel in die Posaune stieß, sah ich einen Stern, der vom Himmel auf die Erde gefallen war, und ihm wurde der Schlüssel zum Schacht des Abgrunds gegeben. 2 Und er öffnete den Schacht zum Abgrund, und es stieg Rauch aus dem Schacht heraus wie Rauch eines großen Ofens, so daß die Sonne und die Luft vom Rauch aus dem Schacht verfinstert wurden. 3 Und aus dem Rauch kamen Heuschrecken hervor, die über die ganze Erde ausschwärmten, und sie wurden mit Fähigkeiten ausgestattet, die auch irdische Skorpione haben. ( ... )
7 Und die Heuschrecken waren Pferden ähnlich, die zum Krieg gerüstet sind. Auf ihren Köpfen hatten sie Kronen, die schimmerten, als ob sie aus Gold wären, und ihre Gesichter waren wie Menschengesichter. 8 Sie hatten Haare wie Frauenhaare, und ihre Zähne waren wie die von Löwen. ( ... )
11 Als König hatten sie über sich den Engel des Abgrunds, der auf hebräisch Abaddon und auf griechisch Apollyon heißt. ( ... )

9, 1: Wie bereits oben erklärt, ist ein vom Himmel auf die Erde gefallener Stern ein Symbol des christlichen Lehrertums, das seine "himmlische Gesinnung" verloren hat. Ausdrücklich ist hier jedoch von einem Stern die Rede, mit dem anscheinend ein Lehrer der Kirche gemeint ist, dem durch sein hohes Amt eine herausragende Stellung innerhalb der Christenheit zukommt. Diese hochgestellte Persönlichkeit empfängt nun den Schlüssel zum Schacht des Abgrunds. Dieser Abgrund ist der Aufenthaltsort der Dämonen, die nach dem Verlust ihrer himmlischen Herrscherstellung ihren Wohnsitz bis zum Tag des Gerichts in der Finsternis haben.
Der Empfang der Schlüssel des Himmelreichs war einst Petrus zugesagt worden. Dem unmittelbaren Wortsinn nach sind hiermit Vollmacht und Auftrag der Apostel umschrieben, anderen Menschen den Eingang in das Reich Gottes zu verschaffen bzw. zu verwehren. Verbunden mit der Verwaltung dieses Schlüsselamtes ist der Besitz besonders herausragender geistlicher Kräfte und Erkenntnisse. Diese werden nun von der abtrünnig gewordenen christlichen Lehrerschaft, aus der ein einzelner hervorragt, in grober Weise pervertiert: nicht nur, daß der Weg ins Himmelreich nicht mehr gewiesen wird, sondern die anvertrauten Gaben werden auch noch dazu verwandt, bösen Geistern den Zugang in die Bereiche des kirchlichen Lebens zu verschaffen.

9, 2: Der Rauch, der nach der Öffnung des Schachts wie von einem großen Ofen, d.h. aus loderndem Feuer hervorgehend, aufsteigt, ist das Sinnbild dämonisch inspirierter Lehren, die mit satanischem Feuereifer verbreitet und vorgetragen werden. Dadurch wird zunächst die Luft, d.h. die geistliche Lebensatmosphäre der Christenheit, in so starkem Maße verfinstert, daß schließlich auch die Sonne des christlichen Lebens, nämlich Christus, kaum mehr sichtbar ist. Somit ist es der Wirksamkeit böser Geister, denen Tür und Tor geöffnet wird, zuzuschreiben, daß das geistliche Leben sich in den Tagen der fünften Posaune rapide verfinstert.

9, 3: Die Menschen, die aus dem Rauch kommen, d.h. durch Lehren der Dämonen inspiriert und verunreinigt sind, werden mit Heuschrecken verglichen. Sie sind also hemmungslose Zerstörer des geistlichen Lebens der Christenheit: in unzählbar großen Scharen werden sie am Vorabend der Herrschaft des Antichristen, und zwar noch vor dem Ereignis der Entrückung, aktiv. Ergänzt wird das symbolische Heuschreckenbild durch den Stachel, mit dem die geistlichen Zerstörer, Skorpionen gleich, ihren Zeitgenossen schmerzende Wunden zufügen können. Es sind solche Wunden, die durch das Gift unbarmherziger Kritik und schamlosen Spottes, die sich auf die altehrwürdigen Wahrheiten des christlichen Glaubens richten, in den ungefestigten Gläubigen hervorgerufen werden. ( ... )

9, 7.8: Die Heuschrecken haben Menschengesichter. Sie werden sich also als Freunde und Beglücker der Menschen ausgeben und hervorragendes Geschick darin besitzen, mit schmeichlerischen Worten die Sympathie und das Vertrauen der Massen zu gewinnen. Ferner weisen die Heuschrecken Haare wie Frauenhaare auf. Das Haupthaar ist Sinnbild der Unterordnung, hier unter alle selbstgeschaffenen Ordnungen und Prinzipien, die die Heuschrecken in ihrer emanzipatorischen und autonomistischen Grundeinstellung streng einhalten. Die Löwenzähne zermalmen dabei mit der unwiderstehlichen Kraft ihrer aggressiv-verurteilenden Kritik alles, was sich ihnen in den Weg stellt. ( ... )

9, 11:  Erst wenn die Heuschrecken ihr groß angelegtes Zerstörungswerk beendet haben, tritt ihr König sichtbar in Erscheinung, und er wird nicht zögern, die Führungsposition in dem mächtigen Heer einzunehmen. Der Anführer der Heuschrecken wird hier der Engel aus dem Abgrund genannt, weil er als Bote und Werkzeug des Teufels mit dämonischen Kräften ungeheuren Ausmaßes erfüllt sein wird. Sein Name wird in hebräischer und griechischer Sprache genannt: Abaddon bzw. Apollyon. Beidemal bedeutet er dasselbe, nämlich "Verderber" oder auch "Zerstörer". Diesem Engel aus dem Abgrund, dem Antichristen, wird es - nicht allein vom Satan, sondern auch von Gott - gegeben werden, das Werk der Zerstörung der Kirche als Institution sowie aller noch vorhandenen christlichen Lebensordnungen konsequent durchzuführen. De facto wird somit das Christentum eine Zeitlang auf Erden abgeschafft sein.
Schwerer als das Werk der äußeren wiegt jedoch das der inneren Zerstörung. Denn alle, die dem letzten "großen Führer" bis zum Ende folgen, werden mit ihm in den Abgrund ewigen Verderbens stürzen, aus dem ein Entrinnen nicht mehr möglich sein wird. Trotz des immensen Zerstörungspotentials sind die Gerichte der fünften Posaune nur die Vorläufer der eigentlichen "großen Drangsal". Erst mit dem Beginn der sechsten Posaune wird der Antichrist sichtbar in Erscheinung treten und auf den weiteren Gang der Dinge direkten Einfluß nehmen können. Mit dem nun folgende zweiten Wehe tritt das "Geheimnis der Bosheit" in sein vorletztes Entwicklungsstadium ein. ( ... )

 

Die sechste Posaune 9, 13-21

13 Und als der sechste Engel in die Posaune stieß, hörte ich eine Stimme aus den vier Hörnern des goldenen Altars, der vor Gott steht, 14 die sprach zu dem Engel, der die Posaune hatte: Binde die vier Engel los, die am großen Strom Euphrat gebunden sind!

9, 13+14: Der Altar, der vor Gott steht, wurde bereits im vorangehenden Kapitel erwähnt. Die vier Hörner, die an der Oberseite als Ecken aufgesetzt sind, symbolisieren die Macht der Fürbitte Christi. Bis zum Eintreten des dritten Wehe stiegen die Gebete der Gläubigen von allen "vier Ecken der Welt" zum Himmel auf, und am hier vorgestellten goldenen Altar wurden sie durch Christus zusammengefaßt und Gott dargebracht. Doch nun, nach dem Blasen der sechsten Posaune, scheint der Kraftfluß der Fürbitten unterbrochen zu sein, denn dieselbe Stimme, die die Gebete zusammenfassend darbrachte und dadurch die Winde der göttlichen Strafgerichte noch zurückhielt, erteilt nun den Befehl, die vier Engel, die am großen Strom Euphrat gebunden sind, loszubinden.

Der Name des Flusses, an dem die Engel bis zu diesem Zeitpunkt festgehalten wurden, läßt Rückschlüsse auf den Charakter dieser vier Engel zu. Offenbar handelt es sich um satanisch inspirierte Sendboten, denn im Gegensatz zum durch Jerusalem fließenden Jordan, in dem Jesus getauft wurde und der ein Bild des geistlichen Lebens ist, mit dem das geistliche Jerusalem getränkt wird, ist der durch Babylon fließende Euphrat das Sinnbild pseudogeistlicher und verderbenbringender geistlicher Wasserquellen. Schon viele Jahrhunderte lang hatte es am Euphrat, am Strom menschlicher Weisheit, Wissenschaft und Kunst, dämonisch inspirierte Sendboten gegeben, doch waren diese, solange die Fürbitte der treuen Gläubigen noch aufstieg, in ihrer Wirksamkeit stark eingeschränkt. Jetzt aber ist alles "Aufhaltende" hinweggetan: Die Entrückung der Erstlinge zum himmlischen Berg Zion hat den Weg für die vier Engel freigemacht, die jetzt ihr schädigendes Werk, das den Menschen den Tod bringt, ungehindert ausführen können. Die Engel werden also im Verlauf der sechsten Posaune mit großem Eifer eine satanisch gesteuerte Spiritualität vorantreiben, mittels derer das Babylon der Endzeit seinen geistlichen Durst stillen wird.

Bei den vier Engeln ist zunächst durchaus an vier Dämonenführer zu denken, die im Bereich der unsichtbaren Welt über Heere riesigen Ausmaßes befehligen. Weil aber nicht nur Gott, sondern auch Satan seine "Engel" auf Erden aussenden kann, ist zu erwarten, daß auch dort die vier Engel, die Boten aus dem Abgrund, in Erscheinung treten werden. In Pervertierung der vier urchristlichen Ämter werden sie inmitten der Christenheit als Anführer einer schnell um sich greifenden Bewegung das Zerstörungswerk der "Heuschrecken" vollenden und die Massen der dem christlichen Glauben Entfremdeten dem Antichristen zuführen:

1. Falsche Apostel: Genial begabte Führer großer Volksmassen, vielleicht sogar ganzer Völker, die mit Autorität und unerschütterlichem Selbstbewußtsein zur Unterwerfung unter den letzten großen Führer der Menschheit anleiten werden, dem sie selbst absolut hörig sind.

2. Falsche Propheten: Medial veranlagte Männer und Frauen, die in der Kraft Satans und mit erstaunlichen Effekten und sensationellen Wundertaten die Massen zu verblüffen und auf ihre Seite zu ziehen verstehen.

3. Falsche Evangelisten: Exzellente Redner, die in populärer Sprache und rhetorisch profihaft das neue und zugleich "einzig wahre und letztgültige Evangelium" verkünden, das aber weder zum Glauben an den Gekreuzigten, noch zur Vorbereitung auf dessen persönliche Wiederkunft auffordert. Es wird vielmehr seinem letzten großen Gegenspieler den Weg bereiten, dem unbedingtes Vertrauen und ungeteilter Gehorsam entgegenzubringen sei.

4. Falsche Hirten und Lehrer: Männer - und sicher auch Frauen - mit zarterem Gemüt, die einfühlsam und mit viel natürlicher Menschenliebe ausgestattet, jedoch gleichzeitig mit erbittertem Haß oder auch sträflicher Gleichgültigkeit gegenüber dem wahren Gott und seinem Christus erfüllt sind.

 

Das Tier aus dem Meer 12, 18 - 13, 10

18 Dann trat der Drache an den Strand des Meeres. 1 Und ich sah aus dem Meer ein Tier heraufkommen, das zehn Hörner und sieben Köpfe hatte; auf seinen Hörnern waren zehn Kronen und auf seinen Köpfen standen gotteslästerliche Namen geschrieben. 2 Und das Tier, das ich sah, war einem Leoparden gleich; seine Füße waren jedoch wie die eines Bären und sein Maul wie das eines Löwen. Und der Drache gab ihm seine Kraft und seinen Thron und rüstete es mit großer Macht aus.
3 Dann sah ich einen seiner Köpfe wie zum Tode getroffen; doch diese tödliche Wunde wurde wieder geheilt, worauf die ganze Welt dem Tier voller Verwunderung nachlief. 4 Und sie beteten den Drachen an, weil er dem Tier seine Macht gegeben hatte, und sie beteten auch das Tier an und sprachen: wer ist dem Tier gleich, und wer kann mit ihm den Kampf aufnehmen? 5 Dann wurde ihm ein Maul gegeben, das stolze Worte und Lästerungen ausstieß, und es bekam die Macht, es zweiundvierzig Monate lang so zu treiben. 6 Und so öffnete es sein Maul zur Lästerung gegen Gott; es lästerte seinen Namen und seine Wohnung und die, die im Himmel wohnen.

12,18 - 13,1: Der Drache, der nach der Entrückung der Erstlinge mit aller Entschlossenheit die zurückbleibende Gemeinde verfolgt, tritt nun - gleichsam beschwörend - an den Strand des Meeres. Die unter dem Einfluß des Drachen stehenden Volksmassen sind es, die jetzt das Werkzeug hervorbringen, das seinem Herrschaftsanspruch sichtbaren Ausdruck verleihen soll. Das zehnfach gehörnte Tier, das Johannes aus dem Meer aufsteigen sieht, ist mit dem schrecklichen und gewalttätigen Tier identisch, das Daniel als viertes aus dem sturmaufgewühlten Meer heraufsteigen sah. Es versinnbildlicht das römische Weltreich in seiner letzten antichristlichen Ausprägung.

Die zehn Hörner sind die zehn Herrscher, die schon vor der Machtergreifung des Antichristen als ein Zehn-Staaten-Bund in Erscheinung treten und schließlich die politische Führungsriege des letzten Universalreiches bilden werden. Die Kronen auf den Hörnern sind die Zeichen ihrer herrscherlichen Würde.

Die Bildfolge, die Johannes hier vor Augen geführt wird, knüpft an die Vision an, die im 7. Kapitel des Buches Daniel überliefert ist. Daniel sieht hier aus dem sturmaufgewühlten Meer vier Tiere aufstiegen, und zwar einen Löwen, einen Bären, einen Leoparden und schließlich ein schreckliches und überaus starkes viertes Tier mit zehn Hörnern, das mit eisernen Zähnen wild um sich frißt und das Übrigbleibende mit seinen Füßen zertritt. Diese Tiere symbolisieren vier aufeinander folgende Weltmonarchien, die aus dem Meer der Völker hervorgehen, um sich gleichsam "raubtierhaft" über diese zu erheben.

Während Löwe, Bär und Leopard für das babylonische, das medo-persische und das alexandrinische Weltreich stehen, stellt das schreckliche vierte Tier ein Reich dar, das "bis zum Kommen eines Menschensohnes" Bestand haben wird. Es handelt sich um das römische Weltreich, das in biblischer Sicht nicht zu existieren aufgehört hat, sondern bis zum Tag der herrlichen Wiederkunft Christi lediglich verschiedene Stadien seiner Entwicklung durchläuft. Der Menschensohn, der das Reich Gottes in seiner wahrhaft menschlichen Ausgestaltung versinnbildlicht, kommt mit den Wolken des Himmels, um die Weltherrschaft der grausamen, gleichsam tierischen Despoten der Menschheitsgeschichte für immer abzulösen.

Zu beachten ist: Es geht hier um den Gegensatz Mensch-Tier und nicht um die Gegenüberstellung Mensch - Gott. Bei näherer Untersuchung des Begriffes Menschensohn wird aber deutlich, daß diese Bezeichnung nicht nur auf das Reich Gottes, sondern auch auf das Volk Gottes und schließlich auf den obersten Herrscher dieses Reiches bezogen werden kann. Der Menschensohn - als Gottes kommendes Reich - hat demnach sowohl wahrhaft menschlichen als auch wahrhaft göttlichen Charakter - wie denn auch der König dieses Reiches zugleich wahrer Gottes- und Menschensohn ist.

Johannes sieht das Tier mit sieben Köpfen ausgestattet. Die Siebenzahl stellt das Maß der Vollkommenheit dar, nämlich die siebenfältige Fülle des Heiligen Geistes, mit der das Volk Gottes einst ausgestattet war, die aber in den Tagen des Endes in ein vollkommenes "Maß der Bosheit" pervertieren wird. Seit der Konstantinische Wende waren - und sind - die Bürger des römischen Reiches in der Mehrheit getaufte Menschen, d.h. solche, die mit dem Heiligen Geist beschenkt worden sind. Doch im Laufe der nachfolgenden Jahrhunderte kam es nicht zu einer durchgreifenden inneren Durchdringung der europäischen Völker mit dem Gedankengut und dem Geist des christlichen Glaubens. Vielmehr wurden hier und dort Keime des Unglaubens gesät, die sich im Laufe der Zeit immer stärker ausformten und schließlich in der allerletzten Zeit zu dem Irrglauben führen, ein sterblicher Mensch, der sich als messianischer Heilsbringer ausgibt, wäre in der Lage, ohne den leibhaftig auferstandenen und persönlich wiederkehrenden Christus ein Reich des Friedens zu errichten.

Die sieben Köpfe des Tieres weisen folglich auf die siebenfache Fülle der einst empfangenen geistlichen Kräfte und Lebensgüter hin, die nun im Dienst der Lästerung Gottes stehen. Die gotteslästerlichen Namen sind deshalb schwerlich als ein plattes und blasphemisches Verhöhnen des dreieinigen Gottes mit bloßen Worten zu verstehen. Sie drücken vorerst nur die vermessene Haltung aus, in der - unter Berufung auf biblische Verheißungen - dem Plan Gottes, auf Erden ein ewigwährendes Reich zu errichten, eigenmächtig und verblendet vorgegriffen wird. Die Führerschaft des antichristlichen Weltreiches wird sich in ihrer Hybris erfrechen, einerseits auf Grundprinzipien des christlichen Glaubens zu verweisen, andererseits aber gegen den Gott der Bibel und seinen Christus den schärfsten Kampf zu führen.

13, 2: Das Tier, das Johannes beschreibt, ist ein eigenartiges "Mischwesen", das die Merkmale der von Daniel geschauten Tiere in sich vereinigt: es gleicht zunächst einem Leoparden. Dies besagt, daß das antichristliche Weltreich die spezifischen Eigenschaften des Weltreiches Alexanders des Großen aufweisen wird, das sich durch glänzende Bildung und Wissenschaft sowie durch hochstehende Kunst und Kultur auszeichnete. Gleichwohl war eine schamlos hervortretende Moral- und Sittenlosigkeit das traurige Markenzeichen dieses Großreiches. Auch für das Reich des Antichristen werden die Worte Jeremias gelten: "Kann etwa ein Mohr seine Haut wandeln oder ein Leopard seine Flecken? So wenig könnt auch ihr Gutes tun, die ihr ans Böse gewöhnt seid."

Die Füße des Tieres waren wie Bärenfüße. Der Bär steht bei Daniel für das medo-persische Reich, das sich in Kriegen auf seine großen Flotten verließ und - einem Bären gleich - mit seinen riesigen Heeren den Gegner einfach überrollte. Somit liegt in den Bärenfüßen der prophetische Hinweis, daß das römische Reich in seiner endzeitlichen Ausgestaltung nicht nur "bis an die Zähne" mit modernster Waffentechnik ausgerüstet sein wird; es wird diese auch gezielt einsetzen.

Das Maul des Tieres glich einem Löwenmaul. Der Herrscher des babylonischen Weltreiches, Nebukadnezar, ließ sich in seinem Größenwahn zu den Worten hinreißen: "Das ist das große Babel, das ich durch meine große Macht zu Ehren meiner Herrlichkeit zur Königsstadt erbaut habe." Diese Vermessenheit strafte Gott mit siebenjährigem Wahnsinn, der ihn auf die Stufe eines Tieres herabsinken ließ. In ähnlicher Weise wird auch das Maul des Tieres, das den Herrscher des letzten irdischen Großreiches versinnbildlicht, einem Löwen gleichen: er wird sein Maul auftun und seine Errungenschaften in demonstrativer und selbstherrlicher Manier rühmen. Doch wie Nebukadnezar wird er auch seine gerechte Strafe empfangen, mit dem Unterschied allerdings, daß dieser nur auf Zeit "aus der Gemeinschaft der Menschen" verstoßen wurde, der Antichrist aber "sieben Zeiten" lang alle Möglichkeiten einer Umkehr ungenutzt lassen und auch nach dem Ablauf derselben seine Augen nicht zum Himmel aufheben wird, um den Höchsten zu ehren, der ewig lebt und gegen den alle Menschen auf der Erde für nichts zu rechnen sind. Deshalb wird das Maul des Tieres, der Antichrist, auf ewig in den tiergleichen Zustand der völligen Trennung von Gott versetzt werden.

Das Tier empfängt seine Kraft vom Drachen. Satan selbst wird das Reich des Antichristen stark machen, es protegieren und mit großer Macht, mit lügenhaften Kräften und Zeichen aller Art, ausrüsten, und schließlich wird er sich dieses Werkzeugs bedienen, um seinen Thron, seine gottfeindliche Herrschaft, die auf die Zerstörung aller christlichen Werte und Ordnungen zielt, inmitten der im Abfall begriffenen Christenheit aufzurichten.

13, 3: Ausgehend von der oben gegebenen Deutung stellt der tödlich verwundete, aber dann geheilte Kopf eine Eigenschaft dar, die den Völkern des römischen Reiches durch die Annahme des Christentums zuteil geworden, dann aber in späteren Zeiten abhanden gekommen war. Die Rede ist vom Einheitsbewußtsein der europäischen Völker. Im Laufe der vergangenen Jahrhunderte hatte dieses hinter einer durch starren Nationalismus geprägten Politik immer wieder zurückstehen müssen, doch in den letzten Tagen der Kirchengeschichte wird diese tödliche Wunde wieder geheilt werden:das Einheitsbewußtsein der Völker Europas wird zu neuem Leben erweckt, und dies wird dazu führen, daß das römische Reich aus dem Grabe seiner nur scheinbar für alle Zeiten festgeschriebenen Zersplitterung ersteht, um für kurze Zeit so machtvoll zu erblühen, daß die ganze Welt, d.h. in erster Linie die "weltlich gesinnten" Christen des "christlichen Abendlandes", dem Tier voller Verwunderung nachlaufen wird.

Nach Kap. 17, 9 bedeuten die sieben Köpfe des Tieres auch sieben Könige. Der tödlich verwundete und dann geheilte Kopf weist dann in Ergänzung zu der oben ausgeführten Deutung auf ein besonderes Wunderzeichen hin, das am letzten Herrscher des römischen Reiches geschehen wird. In dieser aufsehenerregenden Heilung mag die Andeutung liegen, daß der Antichrist vor aller Augen so etwas wie ein Auferstehungswunder demonstriert, dessen verblüffender Wirkung die leicht manipulierbaren Volksmassen sich nicht werden entziehen können. Offenbar wird es die Nachäffung des Auferstehungswunders Jesu sein, die zur einmütigen Huldigung dieses erstaunlichen, ja "christusgleichen" Mannes führen wird.

13, 4: Die Menschen, die die Gebote und Verheißungen Gottes nahezu vergessen und das Vertrauen in ihn weitgehend verloren haben, werden - wenn dies auch größtenteils unbewußt geschehen mag - mehr und mehr dazu übergehen, den Drachen und das Tier anzubeten. Des Lobes und Ruhmes voll wird man die Größe und die Kraft des neuerstandenen Imperiums anerkennen und hervorheben, daß es noch niemals zuvor in der Geschichte der Menschheit eine solche vollkommene Ordnung der menschlichen Verhältnisse, noch niemals ein wirtschaftlich und vermutlich auch militärisch so starkes Reich gegeben hat, denn: wer ist dem Tier gleich, und wer kann den Kampf mit ihm aufnehmen?

Die Verblendung wird so groß sein, daß man die Aufrichtung dieser neuen Weltordnung "Gott" zuschreibt. Dies hat in der Tat etwas Richtiges. Übersehen wird dabei "nur", daß es sich hier nicht um den Vater Jesu Christi, sondern um den "Gott dieser Welt" handelt, der den Menschen den Sinn verblendet. Der Gott des "großen Führers der Menschheit" und seiner Gefolgschaft ist in Wahrheit kein anderer als der Vater der Lüge, der Mörder von Anfang an.

13, 5+6: Die stolzen Worte aus dem Maul des Tieres offenbaren zunächst die Arroganz und den Größenwahn des Anführers der neuen Weltordnung, dann aber auch die Vermessenheit der Menschen, die den stolzen Worten des Pseudo-Messias willig Folge leisten. Man wird sich rühmen, die neue Ordnung der Dinge aus eigener Kraft und Vernunft und durch den entschlossenen Einsatz des "guten Willens" zustande gebracht zu haben. Auch wird man sich auf die "Kraft Gottes" berufen, hinter der jedoch in Wahrheit satanisch gesteuerte Verführungsmächte stehen. Die pseudofromme Euphorie der "Neuen-Welt-Bürger" ist nichts anderes als Selbstvergötzung bzw. Teufelsanbetung, deren logischer Gegenpart die Lästerung des wahren Gottes ist, dem allein sich alle menschlichen Gaben und Kräfte verdanken. Zur unverhohlenen Selbstbeweihräucherung wird schließlich auch die offene Verhöhnung Gottes treten, die sich nicht allein auf seinen Namen, d.h. auf ihn selbst, sondern auch auf seine Wohnung, nämlich auf die auf Erden lebenden Christen, richten wird; ja selbst über die, die im Himmel wohnen, über die bereits in die himmlische Herrlichkeit entrückten Gläubigen, wird sich der Spott der aufgehetzten Massen ergießen.

Der Zeitabschnitt von 42 Monaten bezieht sich hier auf die erste Hälfte der siebenjährigen Drangsal, in der die Lästerung des Antichristen vor allem in den stolzen Worten seines überzogenen Selbstruhmes bestehen wird. Erst nach dieser Phase höchsten äußeren Glanzes wird er mit der Errichtung einer beispiellosen Schreckensherrschaft sein wahres gott- und menschenfeindliches Gesicht offenbaren.

 

Das Tier aus der Erde  13, 11-18

11 Und ich sah ein anderes Tier aus der Erde heraufsteigen, das hatte zwei Hörner wie ein Lamm, es redete jedoch wie ein Drache. 12 Es handelte unter der Aufsicht und mit der ganzen Vollmacht und Autorität des ersten Tieres und brachte die Erde und die auf ihr Wohnenden dazu, das erste Tier anzubeten, dessen tödliche Wunde geheilt geworden war. 13 Auch tat es große und erstaunliche Zeichen und ließ sogar vor den Augen der Menschen Feuer vom Himmel auf die Erde fallen. 14 So verführte es die auf der Erde Wohnenden kraft der Zeichen, die ihm in Gegenwart des Tieres zu tun gegeben waren. Dann forderte es die auf der Erde Wohnenden auf, dem Tier, das die Schwertwunde hatte und wieder lebendig geworden war, ein Bild zu machen. 15 Und es empfing die Macht, das Bild des Tieres mit Lebensgeist zu erfüllen, so daß das Bild des Tieres sogar reden konnte. Und es sorgte dafür, daß alle, die das Bild des Tieres nicht anbeten wollten, getötet wurden. 16 Und alle, die Kleinen und die Großen und die Reichen und die Armen und die Freien und die Sklaven - alle brachte es dazu, daß sie sich ein Kennzeichen auf ihre rechte Hand oder auf ihre Stirn machten. 17 Und wer das Kennzeichen - nämlich den Namen des Tieres oder die Zahl seines Namens - nicht hatte, konnte weder kaufen noch verkaufen. 18 Hier ist Weisheit nötig: Wer Verstand hat, der berechne die Zahl des Tieres; denn sie ist die Zahl eines Menschen. Es ist die Zahl sechshundertsechsundsechzig.

13, 14+15: Verführt durch die Zeichen der falschen Propheten, errichten die auf der Erde Wohnenden, d.h. alle irdisch Gesinnten, dem ersten Tier ein Bild. Deutet man das Tier im ursprünglichen Sinn auf den gesamten Organismus des antichristlichen Weltreiches, dann ist mit dem Bild hier die Person des Antichristen gemeint, der als sichtbares Haupt der fanatisierten Massen erst relativ spät seine Inthronisation als "Gottkaiser" erfährt. Die Bezeichnung Bild ist insofern treffend, als sich in seiner Person Eigenart und Charakter des letzten Universalreiches gleichsam brennpunktartig widerspiegeln.

Zum drittenmal werden hier die geheimnisvollen Worte von der tödlichen Wunde und deren wunderbarer Heilung erwähnt. Dies legt den Schluß nahe, daß das mögliche satanische Auferstehungswunder des Antichristen mit seiner weltweiten Anerkennung in unmittelbarem Zusammenhang steht. Vermittler dieses Wunders sind die Vertreter des geistlichen Standes, denn das zweite Tier empfängt die Macht, das Bild des Tieres mit Lebensgeist zu erfüllen, so daß es sogar reden kann. Die satanische Inspiration, die der Antichrist nach seiner "Auferstehung" empfängt und die ihm ein phänomenales Charisma vermittelt, wird ihn zu unglaublich kraftvollen und aufsehenerregenden Äußerungen befähigen.

Eine weitere Deutung ergibt sich, wenn man das erste Tier auf die Person des Antichristen bezieht. In diesem Falle weist das Bild auf das Anfertigen und Aufstellen von Kultbildern hin, die der Verehrung des letzten Weltherrschers dienen werden. Möglicherweise wird auch eine Hauptkultstätte mit einem besonders aufwendigen Bild, in welcher Form auch immer, eingerichtet, um der Verehrung des Antichristen einen allen Menschen sichtbaren Ausdruck zu verleihen. Besondere Verblüffung wird das Vermögen der falschen Propheten hervorrufen, dem Bild Lebensgeist einzuhauchen, so daß es zu reden vermag.

Ein präziser Typus dieses Bilderkultes war das Standbild, das einst dem babylonischen König Nebukadnezar errichtet wurde. Unter Androhung der Todesstrafe durch Verbrennen ließ er die Bürger seines Reiches zur Verehrung dieses Bildes, in dem der Gott-König gewissermaßen selbst vor die Gläubigen hintrat, auffordern. In ähnlicher Weise werden auch die falschen Propheten des Antichristen dafür sorgen, daß Kultverweigerer hingerichtet werden.

13, 18: Am Ende des Abschnitts wird ein geheimnisvoll verschlüsselter Hinweis auf das Tier aus dem Meer gegeben. Ein Mensch ist es, denn seine Zahl ist die eines Menschen, nämlich sechshundertsechsundsechzig. Die Berechnung, d.h. die Entschlüsselung dieses Zahlenwertes erfordert Weisheit und Verstand. Allerdings sind hier weniger intellektuelle Fähigkeiten gefragt. Sondern nur solche Weisheit, die Gott selbst schenkt, vermag dem suchenden und forschenden Leser zur Lösung verhelfen. Der Schlüssel zum Verständnis der geheimnisvollen Zahl liegt in der Aussage, daß es sich um die Zahl eines Menschen handelt. Die Zahl sechs weist zunächst ganz allgemein auf den 6. Schöpfungstag hin, an dem der Mensch geschaffen wurde. Am darauffolgenden 7. Tag ruhte Gott von seinen Werken, und auch der Mensch empfing - als die erste aller göttlichen Weisungen - das Gebot der Sabbatheiligung.

Der eigentliche Zweck des Sabbats bzw. des Feiertages besteht für die Gläubigen, vereinfacht gesprochen, darin, an ihm die Ruhe in Gott zu finden. Während jedoch die jüdische Sabbatheiligung einen starken Bezug zur Herrlichkeit der ersten Schöpfung aufweist, blickt die christliche Sonntagsheiligung nach vorn, nämlich auf die Neuschöpfung der endgültigen Erlösung, die in der Taufe bereits ihren Anfang genommen hat. Gemeinsam ist Juden und Christen, daß der Ruhetag trotz unterschiedlicher Akzentgebung das sichtbare Zeichen der Gemeinschaft des Menschen mit Gott ist. Wer diese Gemeinschaft verläßt und den Ruhetag nicht mehr bzw. nur noch in äußerlicher und formalistischer Weise einhält, ist ein Vertreter der Zahl sechs - im Gegensatz zur sieben, die auf ein bewußtes Leben mit Gott, in der Hoffnung auf das Kommen seines Reiches, hinweist.

Als Zahl eines Menschen mit ausgeprägt gottfeindlicher Gesinnung tritt die 6 zunächst im Charakter des Riesen Goliath in Erscheinung, der eine Körpergröße von 6 Ellen und einer Handbreite hatte. Dieses Maß steht symbolisch für die ungeheuerliche Entfaltung der natürlichen menschlichen Kraft in ihrer Erhebung gegen Gott. Dabei stand Goliath nicht allein, sondern er ging den Philistern voran, die sich in ihrem Kampf gegen das Volk Gottes auf ihre natürliche Kraft verließen, wobei sie das kindliche Gottvertrauen Davids hohnlachend verachteten.

Vom babylonischen König Nebukadnezar wird berichtet, daß er ein goldenes Bild errichten ließ, vor dem alle Menschen anbetend niederzufallen hatten. Die Größe dieses Bildes betrug bezeichnenderweise 60 Ellen in der Höhe und 6 Ellen in der Breite. In diesen Maßen kommt eine deutliche Weiterentwicklung des symbolischen Prinzips der 6 zum Ausdruck, denn Nebukadnezar war nicht wie Goliath ein Gelegenheitskämpfer, sondern der Begründer einer wohlorganisierten und dabei entschieden gottfeindlichen Monarchie, die allen Dissidenten die Todesstrafe androhte.

Die Zahl des Antichristen, 600+60+6, weist auf eine noch größere Entfaltung der natürlichen Kraft des Menschen hin, als sie Goliath oder die Schreckensherrschaft Nebukadnezars repräsentierten. Die drei Sechsen des letzten Großtyrannen werden eine um ein vielfaches gesteigerte Lästerung des Namens Gottes und eine weitaus drückendere Knechtschaft bringen, als es in früheren Zeiten jemals der Fall gewesen war. Somit weist die Zahl 666 auf das höchstmögliche Maß an Bosheit und Vermessenheit vorsätzlich gottloser Menschen hin.

 

Die siebte Schale 16, 17-21

17 Und der siebte Engel goß seine Schale in die Luft, da verkündete eine laute Stimme aus dem Tempel, vom Thron her: Es ist geschehen! 18 Und es zuckten Blitze, und laute Donnerschläge krachten, und ein Beben erschütterte die Erde, das so schwer und so heftig war wie keines vorher, seitdem Menschen auf der Erde leben. 19 Und die große Stadt zerfiel in drei Teile, und die Städte der Völker stürzten ein. Und Gott vergaß nicht, was Babylon, die Große, getan hatte, und ihr wurde der Becher mit dem Wein seines siedenden Zornes gegeben. 20 Und alle Inseln verschwanden, und auch die Berge wurden nicht mehr gefunden. 21 Und ein gewaltiger, zentnerschwerer Hagel prasselte vom Himmel auf die Menschen nieder; aber die Menschen verfluchten Gott wegen der Hagelplage, denn sie war überaus schwer. 16, 17: Die siebte Zornschale bringt die letzten und vernichtenden Schläge des Gerichtes Gottes über die nicht zur Umkehr bereiten Menschenscharen. Wie der Antichrist den Gläubigen alle Luft zum Atmen nahm, alle Existenzmöglichkeiten grausam zunichte machte, so trifft ihn nun in aller Härte das gerechte Gericht: Das Element, in dem er und seine Anhänger leben, nämlich die Luft, wird vergiftet, so daß der Atem stockt und der Pulsschlag des Lebens stillsteht. Den Feinden Gottes wird der Existenzraum auf Erden gewaltsam genommen, nachdem alle vorherigen Gerichtsschläge keine Buße bewirken konnten.

Bevor die Einzelheiten dieser letzten Plage geschildert werden, erschallt vom Thron her eine laute Stimme mit den Worten: Es ist geschehen! In diesem Ausruf ist das endgültige Gericht Gottes über den Antichristen und seine Anhängerschaft enthalten, denn geschehen ist die Wiederkunft Christi, die zunächst spöttisch verachtet, dann aber mit entschlossenem Widerstand erwartet wird. Doch vergeblich sehen die Feinde Gottes dem Einsatz ihrer Waffen entgegen: Vernichtende Schläge erfolgen, die das vorherbestimmte Gericht sogleich zur Ausführung bringen, ohne daß es zu einem wirklichen Messen der Kräfte kommt.

16, 18: Die Blitze und Donnerschläge sind die seit langem angekündigten Strafgerichte: Der Antichrist und der falsche Prophet werden durch des Hauch des Mundes Christi vernichtet und lebendig in den Feuersee geworfen. Satan wird ergriffen, für eintausend Jahre gebunden und in den Abgrund geworfen. Das große Erdbeben hingegen, das in seiner Stärke mit allen früher erfolgten nicht vergleichbar ist, weist auf den völligen Zusammenbruch aller bisherigen Ordnungen hin.

 

Das Gericht über das Tier und seine Streitmacht 19, 11-21

17 Und ich sah einen Engel in der Sonne stehen, der rief mit lauter Stimme allen Vögeln zu, die hoch oben am Himmel flogen: Kommt her und versammelt euch zum großen Mahl Gottes, 18 um das Fleisch von Königen, Machthabern und Starken zu fressen, das Fleisch der Pferde und ihrer Reiter, das Fleisch aller Freien und Sklaven, der Kleinen und der Großen.
19 Und ich sah, wie sich das Tier und die Könige der Erde und ihre Heere versammelten, um Krieg zu führen mit dem Reiter auf dem Pferd und mit seinem Heer. 20 Doch das Tier wurde ergriffen und mit ihm der falsche Prophet, der im Auftrag des Tieres die Wunder getan hatte. Mit denen hatte er die verführt, die das Kennzeichen des Tieres angenommen und sein Bild angebetet hatten. Lebendig wurden die beiden in den Feuersee geworfen, der mit Schwefel brennt. 21 Die anderen aber wurden mit dem Schwert getötet, das aus Mund des Reiters kam, und alle Vögel wurden satt von ihrem Fleisch.

19, 17+18: Johannes sieht nun einen Engel in der Sonne stehen. Es mag dem Seher hier tatsächlich einer der himmlischen Diener Gottes vor Augen gestellt sein. Im tiefsten und letzten Sinne weist dieser jedoch auf den großen "Engel des Bundes" hin: Christus, die Sonne der Gerechtigkeit, geht mit Macht und Herrlichkeit über der Erde auf, und "Heilung ist in ihren Flügeln". Diesem herrlichen Sonnenaufgang geht aber zunächst ein Sonnenuntergang voraus, der eine verzehrende Glut mit sich bringt. Über alle Feinde Gottes ergeht ein Vernichtungsgericht, und zwar ist es der Antichrist mit seinen Getreuen, der dem Feuer des göttlichen Gerichts anheimfallt. Über alles Böse und geistlich Unreine auf Erden wird die göttliche Sonne den Eifer ihres Zorns offenbaren. Es kommt zu einer Entscheidungsschlacht, die hier aber nicht im Detail beschrieben wird. Zunächst erfolgt nur ein Hinweis auf das "Vorspiel" der entscheidenden Begegnung, auf das große Mahl Gottes nämlich, zu dem der Engel mit lauter Stimme alle aasfressenden Vögel einlädt. Dieses Mahl ist das schauerliche Gegenbild zu dem soeben dargestellten Hochzeitsmahl des Lammes.

Schon bei dem verschattenden Gericht über Jerusalem ging das von Jesus zitierte Sprichwort in Erfüllung: "Wo das Aas ist, sammeln sich die Geier". Jerusalem war nach dem Ablauf von vierzig Jahren, gerechnet von Jesu Kreuzigung und Auferstehung an, geistlich erstorben. Die judenchristliche Gemeinde hatte auf einen besonderen Wink Gottes hin die Stadt verlassen, bevor im Jahre 70 n.Chr. die Römer heraufzogen, um Stadt und Tempel zu zerstören und auf diese Weise Gottes Gericht auszuführen. Hier jedoch handelt es sich um ein noch größeres Gericht. Nach der Entrückung der Erstlinge, dem Einbringen der großen Ernte und dem Halten der Nachlese wird die einstige Stadt Gottes von allen guten Geistern buchstäblich verlassen sein. Mit seiner großen Anhängerschar bildet der Antichrist nun einen großen, für die Raubvögel des göttlichen Gerichts reif gewordenen geistlichen Leichnam. Dabei stehen die Vögel sinnbildlich für die bösen Geister, die jetzt – welch ein schauriges Bild – die Erlaubnis bekommen, diesen großen und geistlich toten Organismus zu zerreißen.

Raubvögel sind gierig auf Fleisch, das hier sinnbildlich für die von der Sünde verdorbene und gezeichnete Natur des Menschen steht. Wo immer ein Mensch vorsätzlich in seiner Sünde beharrt und sich darin gefällt, da sind auch die Dämonen nicht weit; haben sie doch Freude an allem, was Gott zutiefst zuwider ist. Sie hegen das unbändige Verlangen, auch noch die letzten Überreste einer vernünftigen menschlichen Gesinnung zu zerstören. Diese Gier werden die bösen Geister befriedigen können. Auch die letzten Reste einer geistlichen Einstellung werden dabei zunichte gemacht werden.

Das Fleisch wird auf besonders bezeichnete Menschen bzw. Gruppen von Menschen bezogen: Könige, Machthaber und Starke sind Menschen in besonderen politischen und militärischen Führungspositionen. Die Pferde mit ihren Reitern weisen auf gesellschaftliche Gruppen und Vereinigungen, die Leiter mit eingeschlossen. Freie und Sklaven, Kleine und Große stehen für Menschen aus allen sozialen Schichten. Somit werden alle, die sich bewußt in die Machtsphäre des Antichristen und auf diese Weise in das Reich der Gottlosigkeit und des geistlichen Todes hineingestellt haben, der Gewalt der bösen Geister ausgeliefert sein.

19, 19+20: Nachdem das Tier samt den Königen der Erde und ihren Heeren eine Behausung aller bösen Geister und unreinen Vögel geworden ist, versammeln sie sich, um Krieg zu führen mit dem Reiter auf dem Pferd und mit seinem Heer. Der Antichrist wird sich allen Ernstes entschließen, mit dem souveränen Beherrscher der von aller Sünde gereinigten menschlichen Natur den Kampf aufzunehmen. Doch dieser Kampf wird nicht ausgetragen. Bei der Erscheinung Christi, der sein Heer gereinigter und verherrlichter Menschen bereits um sich versammelt hat, werden das Tier und der falsche Prophet ergriffen und lebendig, d.h. ohne Eintreten des leiblichen Todes, in den mit Schwefel brennenden Feuersee, den Aufenthaltsort der für immer und ewig Verdammten, geworfen.

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