Der Pfad zur linken Hand (Essay)

Geschrieben von Flagg T. Zorn am 28. Juli 2001 17:57:23:

2 Bemerkungen zuvor:

a. es ist nicht die aktuelle Fassung des Textes, enthält somit noch etliche Fehler;

b. da ich vor kurzem aus den Rängen des Schwartzen Ordens von Luzifer ausgeschieden bin, kann ich nicht mehr in Anspruch nehmen, für den Orden zu sprechen, insofern denkt Euch einfach die ordensspezifischen Bezüge weg (wenn ich auch stark annehme, daß der SOL nach meinem Austritt nach wie vor auf dieses Fundament bauen wird);

c. Ihr dürft mich wieder hassen *g*

Der Pfad zur linken Hand - eine indoeuropäische Tradition,
Flagg T. Zorn

Da wir vom Schwartzen Orden von Luzifer erkannt haben, daß die Kultur eines Menschen das Produkt von Selbsterschaffung und –verwirklichung ist, Ausdruck seines inneren Wesens, sowie die Tradition als die Kontinuität kultureller Manifestationen und bestimmter Daseinsprinzipien ansehen, sind wir in weitaus größerem Rahmen als andere Schulen des Pfades zur linken Hand daran interessiert, Kultur und Tradition zu erforschen, zu erhalten und wiederzubeleben. Der Pfad zur linken Hand (LHP) ist für uns das durch den Fürsten der Finsternis geschaffene Daseinsprinzip (eine metaphysische Kategorie), das in der Vergangenheit und auch heute immer wieder durch Menschen ins Dasein gebracht wurde und wird. Fundamental ist dabei die Betrachtung des Traditionellen, denn Daseinsformen, auch die des Pfades zur linken Hand, finden sich in jedem Kulturkreis, nur erlangen sie nicht überall den Status einer Tradition, da es ihnen an Kontinuität fehlt und ihr Auftreten eher vereinzelt ist. Darauf aufbauend ist es notwendig, die übliche philosophische Betrachtung um die kulturelle zu erweitern und diese im Lichte des Verständnisses von Tradition zu beleuchten. Nur dann werden wir den vom Fürsten der Finsternis initiierten Lebensweg vollständig verstehen und aus ihm schöpfen können.

Begriffsbestimmung des Pfades zur linken Hand

Durch die gesamte Historie zieht sich ähnlich wie durch die Magischen Systeme ein Dualismus, dessen Seiten allerdings im Gegensatz zu dem Dualismus in der Magie keine identischen Prinzipien aufweisen, so daß sie unter einem Begriff subsumiert werden könnten, sondern sich klar voneinander abgrenzen und die Welt trennen, was in metaphysischen Begriffswelten gedacht auf die Kategorien oder Daseinsprinzipien zurückzuführen ist, die auch einleitend schon angesprochen wurden. Die Evolution im Schwartzen Orden wird dazu führen, daß es noch Ausarbeitungen über diese Kategorien und metaphysischen Daseinsprinzipien geben wird, aber zur jetzigen Stunde ist das primäre Anliegen, das ideologische Fundament festzuhalten - weitere Konkretisierungen und Vertiefungen werden nicht nur in den Prioraten diskutiert werden, sondern später in das Totenkopf Grimoire einfließen. [Gemein-hin spricht man von der „Natur des Menschen“, seinem Wesen oder seiner Seele. In der Moderne jedoch eher vom individuellen Weg, denn diese Bezeichnung ist politisch legitimer, da sie per Begriff keine Assoziationen mit einem angeborenen Potential weckt, sondern der Idee des freien Willens Rechnung trägt. Wer genauer hinsieht, wird aber bald erkennen, daß trotz aller Individualisierung und postulierten Willensfreiheit in der heutigen Zeit gewisse Prinzipien existieren, die bestimmte Gruppen innerhalb der Menschheit gemein haben. Ähnlich wie der Begriff der Intelligenz in der Psychologie wirkt „Natur des Menschen“, wie er in diesem Kapitel verwendet werden wird, einerseits vereinend, andererseits diskriminierend. Ersteres, als daß er etwas meint, was alle Menschen besitzen, einen inneren Wesenskern. Letzteres, als daß die Beschaffenheit der Natur des Menschen oder der Wesenskern nicht bei allen Menschen identisch ist. Wesenskern, das ist „das Schicksalhafte, die wahllose Richtung des Daseins, das Mögliche, welches das Leben in seinem Ablauf verwirklicht“ , dessen Bild immer das Bild dieser Seele ist. „Kein Beobachter wird je aus den Bedingungen seiner Zeit und seines Kreises heraustreten, und was er auch erkennen möge: jede dieser Erkenntnisse ist bereits Ausdruck seiner eigenen Seele, nach Auswahl, Richtung und innerer Form.“ Der Wesenskern ist folglich die „Grundlage der physischen und psychischen Struktur des Menschen.“ Im und durch den Wesenskern manifestieren sich die Daseinsprinzipien am offensichtlichsten. Eint bestimmte Volksgruppen und Gemeinschaften ein identischer Wesenskern, oder tritt er vermehrt in diesen auf, werden auch die Daseinsprinzipien in einer Kontinuität auftreten, was zu einer Tradition führt.]

Wir unterscheiden traditional zwischen zwei Naturen. Beide basieren auf sich gegenseitig ausschließenden Elementen und sind die zwei Gesichter des feindlichen Dualismus. Das eine Gesicht blickt auf das Selbst, auf die eigene Persönlichkeit, ihre Entwicklung - es ist die Ehrung und Huldi-gung der eigenen Einzigartigkeit und die kompromisslose Entwicklung und Formung des Selbst und der Persönlichkeit. Dieses Gesicht ist die Lebensverehrung schlechthin und der Feind jeder Ausformung von Todeskult und –heiligung, es ist Kampf und heroisches Ethos zugleich. Das andere Gesicht blickt nach Außen und setzt anstelle der Erfahrung ein Dogma, das über das Selbst und seine Erfahrungen erhoben wird. Dieses Gesicht bringt keine neuen Formen, Erkenntnisse, Ideen und Errungenschaften ins Dasein, es erhält ausschließlich die Überlieferungen und Manifestationen, die bereits erschaffen wurden. In der radikalsten Ausformung ist diese Natur die bewusste Erklärung, dass die Persönlichkeit und das Selbst auszulöschen seien. Aber auch ohne diese Erklärung verpflichtet sich dieser Weg unbewusst dem physischen und spirituellen Tod. Im modernen Okkultismus sprechen wir vom Pfad zur linken Hand und dem Pfad zur rechten Hand, um beide Gesichter, Wege, Naturen, zu identifizieren. Diese Bezeichnungen gehen auf das indoeuropäische Sprachgebiet zurück, auf den Mahayana Buddhismus . Dort gab es Riten, die darauf abzielten, dass der Mensch durch Mantra- und Mudrazeremonien Buddhaschaft erreicht, dass er „alle dualistischen Begriffe, jedes Gefühl des Abgesondertseins einer mikrokosmischen Form von der anderen“ überwindet. Die Persönlichkeit sei zu entpersönlichen und alle Begrenzungen, die das Ich und die Seele aufrichten, „alles Ich und Mein-Fühlen müssen überwunden werden.“ Für diese Riten wurde die Frau rechts des Mannes positioniert, zu seiner rechten Hand. Für die Riten der Sexual-Magie, die Nutzung der „gewaltigen göttlichen Macht sexualer Kraftkomplexe, die bewusst gesteigert und geformt werden können zu magisch-odischen Schwingungszentren“ , nahm die Frau Haltung links des Mannes ein, zu seiner linken Hand.
Wir werden uns in diesem Kapitel ausschließlich mit dieser Natur des Menschen, dem Pfad zur linken Hand, befassen - ihr fundamentaler Gegensatz, der Pfad zur rechten Hand, wird in späteren Kapiteln noch gesondert zu erläutern sein.

Die Pfad zur linken Hand und seine Formen in der Historie

Die Wesenszüge dieser Natur konstituieren ein besonderes Verhältnis zu Kosmos und Wahrheit. Die psychozentrische Perspektive rückt die Erfahrung, die unsere Psyche macht, und die Konfrontation mit dem Sein und den Reizen, die uns begegnen, in den Mittelpunkt der Betrachtung. Da die Annäherung an das, was wir Wirklichkeit nennen, was für uns weit mehr als die sinnlich wahrnehmbare Welt ist, eine Folgeerscheinung des Weges ist, der auf Erfahrung fußt, verliert jede inhaltliche Definition einer Wahrheit an Bedeutung, sofern sie die Erfahrung ersetzen soll oder der Erfahrung vorangeht und bereits zu jenem Zeitpunkt als endgültig im wortwörtlichsten Sinn betrachtet wird. Und sie verliert nicht nur an Bedeutung, sie muß aus Sicht der geschilderten Geisteshaltung als falsch eingestuft werden, da die Komponente der Erfahrung ausgeschlossen wird. Kurz zusammengefasst bleibt festzuhalten: Diese Natur ist das Wesen eines sich selbst verehrenden Menschen, der, wie der heroische Kämpfer der Antike, die – innerpsychischen und außerpsychischen - Prüfungen, die ihm der Kosmos stellt, bewältigen muß, um an ihnen zu wachsen und sich selbst überwinden zu können - das Ziel ist das Erreichen einer neuen Daseinsform, die mehr als Mensch ist und in einem immerwährenden Zyklus auch immer in einen Bereich vordringt, der das Mehr-als-Mensch-sein überwindet. Dieser Kampf ist der Begleiter aller Entwicklung, Evolution, Veränderung, Transformation und Selbstformung.

Die Lehrmeinung erfasst Heroen oder Heroinnen als „Bezeichnung für Übermenschen, die aufgrund ihrer Kraft und Macht zwischen Göttern und Göttinnen einerseits und Menschen andererseits stehen. Im Verlauf ihres irdischen Lebens haben sie große Heldentaten im Dienst der Kultur und Ordnung vollbracht, die meist mit Kämpfen gegen die Mächte des Chaos jeder Art verbunden waren. Im Einzelfall steigt der Heroe zur Gottheit auf.“ Durch diese Taten, die Konfrontation mit den Kräften des Seins, die eindringliche Erfahrungen darstellen, erlangt der Einzelne metaphysisches Wissen, das ihn über das gewöhnliche Volk erhebt, dessen Religiosität nicht mehr als ein exoterischer Glaube ist, dem eingeweihtes und begriffliches Wissen fehlt.
Wer weitere Aufzeichnungen in der Edda und die Geschichte und Mythen der Indo-Europäer be-trachtet, wird feststellen, daß ihr Charakter der zuvor beschriebenen Natur entspricht, daß ihre Natur seit jeher heroisch im geschilderten Sinn und erfahrungsbezogen war. In Indien gibt es die Tradition Vedanta, „sie lehrt den Menschen, an sich zu glauben. So wie gewisse Religionen behaupten, dass ein Mensch, der nicht an einen persönlichen Gott außerhalb von sich glaubt, ein Atheist ist, so behauptet Vedanta, dass ein Mensch, der nicht an sich selbst glaubt, ein Atheist ist. Nicht an die Herrlichkeit der eigenen Seele zu glauben, das nennt Vedanta Atheismus. [...] Vedanta erkennt keine Sünde an, sondern nur den Irrtum. Der größte Irrtum, so sagt Vedanta, ist zu glauben, dass man schwach, ein Sünder und ein elendes Geschöpf sei und keine Kraft habe, dies oder das zu tun.“ Auch die im vorherigen Kapitel angesprochene Einweihung Odins der Germanen ist ein religiöses Erbe, das diesen Charakter bezeugt. „Der Einzuweihende wird an einem Strick um den Hals hochgezogen, bis er das Bewußtsein verliert, dann wieder heruntergelassen. Er erfährt an sich den kleinen Tod, eine neue, tiefere Dimension des Seins, das Außer-sich-Seins, die spirituelle Wirklichkeit.“

Bei den Kelten sah man in den Druiden außergewöhnliche Naturen, denen furchterregende und wunderwirkende Kräfte zugeschrieben wurden. Tuan mac Cairill, eine Figur der epischen Dichtung, soll seine Gestalt vollkommen verwandeln können und wird als ein Beispiel des Druidengottes gesehen, der wie der Heroe „die Jahrhunderte durchwandert, von seinen Erfahrungen berichtet und die Tradition weitergibt.“ Damit verkörpert er die Rolle des Druiden, einer frühen Form des Gottmenschen und der besonderen Natur.

An dieser Stelle sei auch auf einen speziellen Mythos Europas und Volksglauben hingewiesen, der sich auf die Umwandlung des menschlichen Wesens bezieht, den Glauben an die Fähigkeit bestimmter Menschen, sich in ein Tier zu verwandeln. Der Glaube an diese Fähigkeit zur - auch physischen - Transformation beruhte auf der Angst vieler Menschen vor der Bestie im Menschen, die jederzeit hervorzubrechen drohte. Es ist die Angst, daß ein Mensch aus dem ausbrechen könnte, was ihn menschlich macht. Und letztlich die Angst, daß ein Mensch Potentiale in sich erweckt, die ihn zu etwas werden lassen, was er bisher nicht war und was ihn nicht mehr menschlich erscheinen läßt. Das Heroische nimmt in diesen Mythen in Form der Bestie im Menschen Gestalt an. Gewiss können wir sagen, daß es sich dabei eher um eine niedere Form der heroischen Natur des Pfades zur linken Hand handelt, die jedoch wie alle Erfahrungen, welche die Menschheit macht, die Basis für die Entstehung Höherer Formen ist.

In späteren Epochen wie dem Germanischen Romantizismus oder den Schriften des deutschen Philosophen Friedrich Nietzsche war desgleichen ein Denken präsent, das den Drang zu konstanter Bewegung, Veränderung und Evolution auf allen individuellen und gesellschaftlichen Ebenen und die Verehrung des Lebens per se thematisierte. „Der Anblick des jetzigen Europäers gibt mir viel Hoffnung: es bildet sich da eine verwegene herrschende Rasse, auf der Breite einer äußerst intelligenten Herden-Masse. [...] Dieselben Bedingungen, welche die Entwicklung des Herdentieres vorwärts treiben, treiben auch die Entwicklung des Führer-Tiers.“ Weiter schreibt Nietzsche „Ich unterscheide einen Typus des aufsteigenden Lebens und einen andern des Verfalls, der Zersetzung, der Schwäche.“ „Die ganze Schöpferkraft [...] wird sich in der neuen Menschenspielart konzentrieren. Diese beiden Spielarten werden sich sehr schnell voneinander fort in entgegengesetzter Richtung entwickeln. Die eine wird unter den Menschen herabsinken, die andere wird weit über den heutigen Menschen hinaussteigen. Gottmensch und Massentier möchte ich die beiden Spielarten nennen“.

Diese Unterscheidung nahm ebenfalls Oswald Spengler vor, der die „faustische Seelendynamik“ der seelischen Statik gegenüberstellte. Die faustische Seelendynamik, „die in vielhundertjährigem Mühen ein Selbstbildnis zu zeichnen versucht“ und deren Kultur eine Willenskultur ist.

Julius Evola, der Spenglers „Untergang des Abendlandes“ übersetzte, richtete – da er sich der Besonderheit der heroisch-faustischen Seele bewusst war – sein Werk „Revolte gegen die Moderne Welt“ auch ausschließlich an den Menschentypus, der über diese seelische Beschaffenheit verfügte. An den „anders seienden Menschen“, nicht an den jedermann. Daher waren Bezüge auf „die durch eine angeborene oder erworbene Überlegenheit über das einfache Menschen-Dasein“ befähigten Individuen und das Gottmenschentum die maßgeblichen Komponenten seiner Ausarbeitungen.

An diesen Ausformungen lassen sich zwei kulturelle Merkmale der heroischen-linkshändigen Natur erkennen: sie tritt in einer Häufigkeit auf, daß wir von einer Kontinuität dieser Daseinsform sprechen können, die wir mit dem Begriff Tradition bezeichnen; sie unterliegt einer Evolution und gelangt als Tradition im indo-europäischen Kulturkreis ins Dasein. Folglich ist sie ein Erbe des indo-europäischen Kulturkreises, das aufgrund seiner besonderen Beschaffenheit als eine wiederum eigenständige Tradition betrachtet werden muß. Die Eigenständigkeit dieser Strömung ging in der Neuzeit soweit, daß sich die jeweiligen Philosophien gänzlich von allen kulturellen Befangenheiten und Ursprüngen emanzipierten, sich aber der Rollenmodelle und mythischen Bilder weiterhin bedienten, was zu einem kulturellen Widerspruch dieser modernen Weltbilder führte. Für uns vom Schwartzen Orden von Luzifer war das kulturelle Wissen über den Pfad zur linken Hand das ausschlaggebende Argument, um Satans Weg in der Tradition fortzuführen, der er angehört: als indo-europäisches Dasein.

Quellen:

Oswald Spengler, Der Untergang des Abendlandes
P. D. Ouspensky, Psychologie der möglichen Evolution des Menschen
Michael A. Aquino, The Crystal Tablet of Set
Walter Evans-Wentz, Geheimlehren aus Tibet
Gregor A. Gregorius, Magische Briefe
Gerhard J. Bellinger, Lexikon der Mythologie
Swami Vivekananda, Vedanta – Ozean der Weisheit
Hans-Peter Hasenfratz, Die religiöse Welt der Germanen
Jean-Markale, Die Druiden
Lewis Spence, an encyclopedia of occultism
H. Sidky, Witchcraft and Lycanthropy
Michael A. Aquino, The Crystal Tablet of Set, zur Lebensverehrung im Romantizismus
Friedrich Nietzsche, Der Wille zur Macht
E.R. Carmin, Das Schwarze Reich
Julius Evola, Den Tiger reiten
Julius Evola, Revolte gegen die Moderne Welt

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