Marduk und Tiamat

(Mythen - Babylon-Assyrien)

Drei zentrale Fragen, die die Babylonier und Assyrer besonders beschäftigten, fanden in Ihren Mythen Niederschlag, Antwort und Lösung. Die Frage nach dem Ursprung des Weltalls und seiner Ordnung, das Streben nach der Ausrichtung des eigenen Selbst in dieses Ordnung, verbunden mit der Unterwerfung gegenüber den Göttern und deren Willen und das Streben nach der eigenen Unsterblichkeit.

Der wichtigste Mythos ist der Gilgamesch Epos indem Suchen, Hoffnung und Streben der beiden Völker seine umfassendste Darstellung findet.

...Große Taten vollbringen Gilgamesch und Enkidu, allein sie müßen sterben. Gilgamesch versuchte alles um die Unsterblichkeit zu erlangen und nach dem Tod seines Freundes gibt es kein anderes Ziel mehr für ihn - doch umsonst. Adapa verspielte das ewige Leben einst weil Ea, der weiseste unter den Göttern es so wollte und so müßen seitdem alle Menschen sterben. Diese bittere Erkenntnis der Sinnlosigkeit des eigenen Strebens nach der Frucht der Unsterblichkeit, die bittere Erkenntnis der eigenen Vergänglichkeit findet im Mythos von Gilgamesch ihren vollendeten Ausdruck.

Himmel und Erde waren noch nicht; allein der uranfängliche Ozean, das süße Wasser Apsu und  das salzige Wasser Tiamat waren miteinander vermischt und enthielten Mummu die Urform des Seins. Daraus entstanden Lachamu und Lachmu. Sie erhielten Ihre Namen und gehören zu den ersten Göttern.

Einstmals, als droben
der Himmel noch nicht benannt war,
drunten die Erde
noch keinen Namen trug
als der Ozean, der uranfängliche,
beider Erzeuger,
und das Getöse Tiamat,
die beiden gebar,
Ihre Wasser in eins
zusammenmischten,
als kein Feld noch gebildet,
kein Rohr noch zu sehen,
einst, da von den Göttern
kein einziger entstanden,
kein Name genannt,
kein Los bestimmt war-
da wurden geschaffen
die Götter.
Lachmu und Lachamu entstanden,
weiteste Zeitläufe schwanden.

Nach Ihnen entstanden der Himmelsraum Anschar und der Erdraum Kischar. Aus Anschar ging sein Sohn Anu hervor, der große Gott des Himmels. Anu erzeugte Ea, der an Weisheit und Klugheit alle Götter überragte und stärker war als sein Ahnherr Anschar. Zuletzt entstand Enlil, der Herr der bewohnten Welt. Die Götter versuchten, Apsu zu überwältigen. Da beriet Apsu sich mit Mummu, und sie gingen beide zu Tiamat, um sie zu bitten, ihnen gegen ihre göttlichen Kinder beizustehen. Da beschloß Tiamat, zusammen mit Apsu und Mummu die göttlichen Kinder zu vernichten. Aber der Gott Ea, der alles weiß, sprach einige Zauberformeln, und Tiamat und Apsu wurden mit Schwäche geschlagen. Dann erzeugte Ea mit seiner Braut Lachamu den großen Gotthelden Marduk, der 4 Augen und 4 Ohren hat, damit er alles sehe und höre. Wie leuchtendes, strahlendes Feuer ist Marduks Rede und seine Gestalt überragt alle anderen Götter. Er ist ein Sonnenkind, der Frühlingssohn, der die Finsternis überwältigt.

Der Gott Kingu, Tiamats Gemahl, rief Tiamat zur Rache auf. Da sammelte Tiamat ihre Heerscharen; elf widerliche, dämonische Ungeheuer rief sie zum Kampfe auf und gab Ihren Gatten den Oberbefehl. Ea führte die Götter gegen sie an, aber er war seinen Feinden nicht gewachsen. Ein heftiger Kampf tobte. Ea und die Götter wurden besiegt und mußten weichen, und als Anschar Ea aufforderte, weiterzukämpfen, weigerte sich Ea, den Kampf von neuen aufzunehmen. Da befahl Anschar seinem Sohn Anu, die Götter gegen Tiamats grausiges Heer anzuführen, aber als Anu die wüste Horde der Feinde erblickte, befiehl ihn heftige Angst, und er bat ihn, ihn seines Auftrags zu entheben. Die führerlosen Götter begaben sich nun wiederum zum Ea und legten ihm nahe, seinen Sohn Marduk zu überreden, den Kampf zu wagen und zu befehligen. Marduk war zum Kampfe bereit, trat vor Anschar und sprach: "Noch ehe Du zu Ende gesprochen hast, werde ich Deinen Befehl ausgeführt haben. Wie sollten wir uns vor Tiamat, einem Weibe, fürchten?" "Wohlan!" sprach Anschar, bringe Tiamat zur Ruhe, daß sie Freiden hält!" Marduk verlangte für seinen Sieg aber einen hohen Preis: er wollte im Saal der Schicksals- Beschlüsse, in dem die Götter jährlich über die Geschicke der Welt entscheiden, vor allen die Würde des obersten Gottes haben, damit sein Wort und sein Gebot im Himmel und auf Erden, für Götter und Menschen Geltung besitze. Anschar konnte Marduk diese Bedingung nicht zugestehen; so rief er alle Götter im Saal der Schicksalsbeschlüsse zusammen, ließ ein großes Mahl für sie bereiten und wollte sie veranlassen, bei Speiß und Trank Marduks Bedingung zu erwägen und in Anbetracht der großen Gefahr anzunehmen. Alle Götter traten in großer Angst und mit furchtbarem Schrecken in den Saal der Schicksals- Beschlüsse, küssten einander zur Begrüßung, setzten sich an die Tafel und begannen zu essen und zu trinken. Obwohl sie bald trunken waren, zauderten sie immer noch, Marduks Bedingungen anzunehmen; denn sie hielten ihn nicht für fähig, zu regieren. Schließlich forderten die Götter Marduk auf, einen Beweis dafür zu liefern, daß er genügend Macht und Kraft zur Herrschaft über die Götter besitze. Sie legten ein Kleid vor ihn und  forderten ihn auf: " Oh Marduk, der Du als Weltbeherrscher über göttliche Kraft gebietest! Dein Wort genügt, zu erschaffen und zu vernichten. Befiehlst Du es, so vergeht das Kleid; befiehslt Du dann wiederum, so ersteht es neu!" Da sprach Marduk sein machtvolles Wort, und das Kleid verging im gleichen Augenblick. Wiederum sprach Marduk sein machtvolles Wort, und das Kleid erstand neu. Als die Götter dies sahen, riefen sie: " So sei Marduk unser Herr!"

Marduk erhielt von den Göttern das Zepter, den Thronsessel und das Beil zum Zeichen seiner Macht und dass er die darin liegende Kraft gebrauche. Durch sein Wort schuf Marduk sich Bogen und Speere, Keulen und Köcher, den Blitz, ein Netz um Tiamat darin zu fangen, die Winde und Orkane, die Wasserflut und den Streitwagen. Dann erhob er sich in  furchterregender Gestalt und hatte ein Kraut in der Hand, das Tiamats Gift unschädlich machen konnte. " Auf in den Kampf!" rief Marduk, "dass Tiamat der Lebensatem ab- geschnitten werde!"

Als Tiamats Horden Marduks Waffen erblickten, befiel sie furchtbare Angst. Tiamat aber rief eine Zauberformel und schmähte Marduk mit höhnischer Rede; der aber erfasste den Zyklon, seine Waffe und rief ihr entgegen: " Die du Kingu zu deinem Gemahl erkoren und mit ihm beschlossen hast, Unheil zu stiften und die Götter zu vernichten - komm her, damit wir miteinander kämpfen und uns messen!" Tiamat stieß mit weit aufgerissenen Rachen ihre Zauberformeln aus, doch Marduk ließ ihr den Sturmwind in den Rachen fahren, dass sie das Maul nimmer zu schließen mochte, blähte ihr den Leib mit schweren Stürmen und schoss ihr einen Pfeil in den Schlund, der ihr innerstes zerfetzte und ihr Herz mitten durchbohrte. Dann fesselte Marduk Tiamat, warf sie nieder und stieg als Sieger auf ihren Körper. Tiamats Ungeheuer erschraken gewaltig und ergriffen sofort die Flucht, doch Marduk holte sie alle ein, zerbrach ihre Waffen undund fing sie in seinem Netz. Danach spaltete er Tiamats Leib in 2 Hälften und erschuf daraus den Himmel und die Erde. Er bestellte Wächter und befahl ihnen, die Wasser nicht vom  Himmel abfließen zu lassen.Als Gegenstück des Himmels erschuf er den  Ozean, die Wohnstätte des weisen Gottes Ea. So schuf Marduk Himmel, Erde und Meer, über die er drei Götter setzte: Anu erhielt den Himmel, Enlil erhielt die Erde, Ea erhielt das Meer.

Weiter erschuf und ordnete Marduk die Sternbilder und bestimmte den Weg der Himmelskörper. Zu beiden Seiten des Himmels öffnete er die Tore, durch welche die Sonne auf- und untergeht; dann bestimmte er die Gestalten und die Zeiten des Mondes. Als die Götter sich bei ihm beklagten, es gebe keine Wesen, die Ihnen  huldigten und ihnen Opfer darbrächten, beschloß Marduk, ihren Wunsch zu erfüllen. So wurde der Mensch erschaffen, dessen Aufgabe darin besteht, die Götter zu ehren und ihnen zu huldigen. Marduk beriet sich mit Ea, dem Weisen unter den Göttern, und sprach zu ihm: "Blut will ich nehmen, Gebein dazufügen und Lullu erschaffen, den Menschen. Ihm soll der Dienst an den Göttern auferlegt werden. Die Götter teile ich in zwei Gruppen: in die Himmlischen und die Irdischen, und sie sollen alle gleichermaßen von den Menschen geehrt werden, damit sie zufrieden sind." Ea gab Marduk den Rat, zur Erschaffung des Menschen einen der Götter zu nehmen, am besten Kingu, der Tiamat zum Aufruhr angestiftet hatte. Kingus Blut solle zur Erschaffung des Menschen verwendet werden.

Marduk befragte die großen Götter und sie billigten Eas Plan. Kingu wurde herbei geholt und getötet, und Marduk erschuf aus seinem Blut den Menschen, den er zum Dienst für die Götter verpflichtete. So entstanden die Menschen durch Marduks Umsicht und Eas Klugheit. Die Götter der unteren Welt waren von Dankbarkeit gegen Marduk erfüllt und gelobten, ihm einen Tempel zu bauen. Marduk nahm ihr Angebot freudig an und bestimmte Babel zum Ort des Tempelbaus. Nach einem Jahr war der Tempel vollendet, dessen Spitze bis zum Himmel ragte, und er wurde Anu, Enlil und Ea zur Wohnung angewiesen. Da sprach Marduk zu den Göttern: "  Dies ist Babel, das Tor Gottes, der Ort unserer Wohnung!" Marduk lud alle Götter, fünfzig an der Zahl, zu einem Festmahl in seinen Tempel. Nachdem sie alle gegessen und getrunken hatten und die Tafel abgeräumt war, setzte Marduk ihnen die Gebote für die Aufrechterhaltung und Gewähr der Ordnung der Welt fest. Zuletzt hielt Anu eine große Lobrede auf Marduk und besang sein herrliches Werk, die Erschaffung und die Erhaltung der Welt: 

Er, Marduk, besiegte Tiamat,
er, Marduk, unterdrückte sie,
bis in zukünftige Geschlechter,
bis in die spätesten Zeiten!

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